Danke

Die Glocke läutet das Ende des Schultages an. Stühle wurden beim Aufstehen nach hinten geschoben. Verbeugungen verursachen in der Kleidung Falten. Ein fast einstimmiger Chor sagt: „Auf Wiedersehen!“ zum Lehrer. Er sagt dies zurück.

Die Stühle scharrten auf dem Boden, bis sie schließlich zur Ruhe kehrten. Bis sich endlich wieder Stille in diesen Raum legt. Alle sind weg. Auch ich.

Hey, Haruka!“, ruft mich eine Stimme. Yukio. Ich drehte mich langsam um. Er kam auf mich zu gerannt. Er kam schnaufend zum Stillstand, direkt vor mir. „Was ist?“, fragte ich.

Du hast dein Heft in der Klasse liegen lassen“, sagt er und präsentiert mir mein Heft. „Oh, wie ungeschick von mir“, erwidere ich nur, nehme das Heft und gehe. Was ist nur los mit mir? Ich vergesse es doch sonst nie...

Hinter meinem Rücken höre ich, wie Yukios Freunde über mich lästern, in Hörweite, wie idiotisch. „Hey, wieso hast du ihr das Heft wiedergegeben? Sie dankt dir doch sowieso nie. Und es wäre doch lustig gewesen, wenn sie panisch zu Hause gesucht hätte, oder?“, sagen sie zum Beispiel.

Ach, es ist doch nett, oder?“, antwortet er darauf, „Ich wollte einfach nur nett zu ihr sein, okay?“ Die Anderen gucken ihn wohl schräg an, fangen an zu lachen und triezen ihn: „Oh, bist du etwa in sie verliebt?“ oder sagen Dinge wie: „Nett zu der zu sein nützt doch eh nichts...“.

Ich gehe ruhig weiter, sie bleiben aber mit ihren lauten Gelächter und Gesprächen direkt hinter mir, da sie den gleichen Weg haben.

An der großen Kreuzung trennen sich unsere Wege.

Ich will schweigend nach rechts gehen und sie sollen nach links gehen, aber Yukio muss sich noch einmal umdrehen und mir zurufen: „Noch einen schönen Tag und bis Morgen, Haruka!“ Er winkt mir noch zu und dreht sich wieder zu seinen Freunden um.

Ich frage mich immer, wieso er mir diese unnötigen Dinge sagt und mich nicht ignoriert wie alle anderen. Seit meinem ersten Tag hier meiden mich alle wegen meiner Vergangenheit, nun ja, außer Yukio eben.

Er ist eigentlich ja ganz nett.

Vielleicht sollte ich mich morgen bei ihm bedanken.

 

Aus diesem Plan wurde leider nichts, er wurde krank geschrieben.

Idiot, dabei wollte ich mich heute bei dir bedanken...

 

Auf dem Nachhauseweg bekomme ich eine SMS. Von Yukio:

 

Man...ich habe mir eine Grippe eingefangen, ziemlich uncool, was? ^^'''

Was machst du so? Ich hoffe, du hast dein Heft auch mitgenommen, ich kann es dir ja diesmal nicht hinter hertragen ^^/v

LG, Yukio ^o^

 

Ich wundere mich erst, woher er meine Handynummer hatte, aber antworte ihm schließlich doch. Ich dachte nach, ihm hier danke zu sagen. Nein, ich mache es lieber persönlich.

 

Mein Heft habe ich schon dabei, keine Sorge.

Und ich muss dir etwas sagen. Aber keine Liebeserklärung, klaro?

Dann gute Besserung

Haruka

 

Ob es nicht peinlich ist, so etwas zu schreiben, obwohl ich ihn nicht richtig kenne?

Na ja, und senden.

 

Seitdem sind zwei Tage vergangen. Nach der Schule habe ich mich immer in mein Zimmer zurückgezogen und wir haben uns lustigerweise immer geschrieben. Er hat geschrieben, dass er heute zur Schule kommen wollte.

Ob er wirklich kommt? Am besten sage ich es ihm dann in der Pause, kurz, ohne dass er es bemerkt. Dann kann ich mich vielleicht ihm öffnen.

Ich gehe weiter. Plötzlich höre ich Rufe, Schreie.

Ein Lastwagen kam auf mich zugerast. Ist das mein Ende.

Nein...das darf nicht sein!

Ich wollte doch noch Yukio danke sagen! Doch anstatt zu rennen, auf die andere Straßenseite zu flüchten bleibe ich stehen. Meine Beine sind wie am Boden verwurzelt.

Ich höre wieder, Rufe, Schreie, die mir sagten, ich solle da verschwinden. Auch der Lastwagenfahrer kämpft verzweifelt mit seiner Bremse. Doch ich bleibe stehen. Ich habe Angst. Ich zittere. Das sind wohl die einzigen Bewegungen, zu denen ich gerade fähig bin.

Ich habe Angst...

Haruka!“, schallt es in meinem Gehirn hinein. Es ist Yukio! Plötzlich ist alles wie in Zeitlupe. Er kam auf mich zu gerannt, sein Gesicht angsterfüllt. Er schubst mich zur Seite.

In einem kurzen Augenblick, wo sich unsere Blicke trafen, das Umfeld und die Geräusche wie ausgelöscht wirken, kamen Wörter aus seinem Mund, die mich immer verfolgen werden.

Haruka, ich liebe dich. Mehr als alles auf der Welt.

Dann wird es wieder laut. Ich bin an der anderen Straßenseite und er ist weg. Er ist weg. Nein....er ist blutüberströmt und ich stehe da. Die anderen Zuschauer rufen einen Notarzt und versuchen ihr bestes, damit er es schafft.

Doch ich bleibe stehen. Yukio...

Ich breche zusammen. Tränen in den Augen falle ich in mir zusammen. In die kleinsten Scherben, die in meinem Kopf auch nur existieren.

 

Er ist tot. Er ist vor deinen Augen gestorben. Gib es endlich auf.

Diese Worte verfolgen mich schon die ganze Woche lang. Sie sagen es nicht, aber ich weiß, dass sie es sagen. Nein, ich will es nicht glauben.

Er ist nicht tot. Er ist nicht tot!!

Immer wieder erleide ich qualvolle Nächte, Zusammenbrüche.

 

Auf seiner Beerdigung will ich es endlich aufgeben. Nur wer gibt mir das Gefühl, dass ich es nicht darf? Ich weiß es nicht.

Es regnete. Seine Freunde und seine Familie standen um sein künftiges Gräbnis herum. Jeder weint. Sogar seine Freunde. Außer ich.

Ich bleibe stumm, keine einzige Träne quoll hervor.

Nach dem Begräbnis stehe ich noch da. Der Regen ersetzt meine Tränen.

Ich hätte es verhindern können. Ich hätte ihn retten können. Das werfe ich mir immer wieder vor. Die anderen tun es ebenfalls. Nur sagen sie es nicht. Ich weiß es einfach, dass sie so denken.

Und sie haben recht.

An die Erinnerungen an sein Lächeln und an die SMS. Wieso...wieso hat es ihn getroffen und nicht mich?

Es ist nicht deine Schuld.“

Ich drehe mich um. Da stand ein Junge. Ich sah ihn schwach durch den Tränenschleier hindurch. Im ersten Moment denke ich, es wäre Yukio, es ist dieselbe Ausstrahlung. Und so falle ich in seine Arme und weine. Ich weine und schluchze ohne Ende.

Dieser Junge ist nicht Yukio. Aber er fühlt sich an wie Yukio.

 

Zwei Monate seitdem vergangen.

Ich bin mit diesem Jungen von damals zusammen. Er heißt Shizu.

Er hat braune Haare und dunkelgrüne Augen, Yukio hatte aber blondes Haar und blaue Augen, die sich an der Farbe des Meeres erfreuten.

Ich spiele aber dennoch mit dem Gedanken, dass sein Körper von Yukios Seele besetzt wird. Oder so.

Ob er so zu mir zurückgekehrt ist? Wenn ja, dann bin ich froh, dass ich ihm diese Worte noch sagen konnte, wenn auch ein andere Körper.

Ich danke dir. Yukio.

 

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