Der Schrei nach Heimat

Es regnete. Es gewitterte. Doch für das kleine Mädchen am Rande der Straße war dieses Wetter wie Sonnenschein. Sie empfand gar nichts. Nicht für die Blumenpracht im Walde an einem schönen Sommertag, nicht für die kleinen lachenden spielenden Kinder an einem heißen Hochsommertag, nicht für die Vorfreude an Heiligabend. Wofür denn auch? Sie hatte auch nichts. Ihr Eltern ließen sie im Stich, ihr ehemaliges Waisenhaus musste schließen, niemand wollte sie. Aber sie wusste ja noch nichts von der schicksalshaften Begegnung, die sie heute Nacht, wenn der Mond fast am höchsten steht, erwarten sollte.

Es blitzte, donnerte und regnete immer noch als die Familie Ashford von einem Ball, der bis spät in die Nacht ging, nach Hause fuhr. Im Wagen saßen der Hausherr, Mr. William Ashford, die Hausherrin, Mrs. Cornelia Ashford, ihre älteste Schwester, Layla, ihr ältester Sohn, Arthur, und ihr jüngster Sohn, Lloyd sowie seine Amme, Kaguya. Sie waren alle auf dem Heimweg, als sie plötzlich unter einer Übergangsbrücke einen kleinen Unfall hatten. Eines der Räder ist kaputt gegangen. Die Mitglieder der Familie erschraken sich, und der kleine Lloyd klammerte sich an seine Amme. Sie beruhigte ihn während der Hausherr mit dem Kutscher sprach. Die Ashfords sind sehr gebildet und geduldig, deswegen schimpfte niemand mit dem Kutscher. Arthur ging nach draußen und geleitete Layla und seine Mutter Cornelia ebenfalls nach draußen. Kaguya trug den jetzt ruhigeren Lloyd zu seiner Mutter. Sie sahen dem Kutscher bei seiner Arbeit zu, da sie nichts anderes tun konnten. Arthur und William halfen dem Kutscher, wo sie konnten. „Da ist nichts zu machen, es wird wohl noch eine Weile dauern“, meinte der Kutscher, Jeremiah, schließlich. William sagte daraufhin: „Gut, Arthur, du bleibt mit mir hier und wir helfen weiterhin Jeremiah, damit die Kutsche möglichst bald wieder heile ist. Kaguya, geleite Layla und Cornelia doch bitte zum Anwesen, es ist nicht mehr so weit“ Kaguya nickte und nahm aus der Kutsche zwei Regenschirme. Den einen gab sie Layla, den sie dankend annahm, den anderen faltete sie selbst auf und ging neben Cornelia her, da sie ja keine Hand frei hatte wegen Lloyd. Lloyd sah interessiert zu den Straßenseiten. Plötzlich strampelte er los, er wollte nach unten. „Mama, da ist jemand!“, rief er und sprang sogleich nach unten. Er sah im Dämmerlicht der Straßenlampe ein kleines Mädchen, ungefähr in seinem Alter. „Hallo, was machst du denn hier?“, fragte er mit seiner kindlichen hohen Stimme, die aber dazu bestimmt war, tiefer zu werden im Laufe der Jahre.

Das Mädchen saß da, einfach so, ohne Sinn. Sie hatte vor, entweder irgendwie durch zu kommen oder einfach nur zu sterben. Sie habe sowieso keine Heimat, nichts, wohin sie immer wiederkehren könnte, dachte sie. In der Nähe hörte sie Geräusche. Schritte näherten sich langsam, aber unaufhaltsam. Diese kleinen Kinderfüße liefen auf dem Pflasterboden zu ihr. Doch sie nahm das alles nicht wahr. Bis er dann schließlich vor ihr stand und sie etwas fragte. Sie drehte sich leicht weg, sie mochte nicht reden. Doch der Junge ließ sich nicht einschüchtern und löcherte sie mit weiteren Fragen. Schließlich gab er aber auch auf, aber anstatt brav zu seiner Mutter und seiner Schwester zu laufen, setzte er sich neben ihr in den Regen, auf die kalte gepflasterte Straße. „Was willst du?“, fragte das Mädchen schließlich, leise, aber deutlich und abweisend. Scheinbar nicht getroffen von ihren Worten antwortete Lloyd unerschrocken und fröhlich: „Weiß nicht, aber ich mag dich“ Diese Worte ließen das Mädchen aufschauen und sie sah Lloyd zum ersten mal ins Gesicht. Seine Augen funkelten, sie strahlten Wärme und Begeisterung aus. Er lächelte ihr zu. „M-mach keine Witze“, meinte sie und wendete sich ab. Ihr war es etwas peinlich, aber das schien Lloyd nicht zu merken. Naiv wie er war, stand er auf und lief zu seiner Mutter. Sie sprachen ein wenig miteinander, und schließlich kam Lloyd wieder zu dem Mädchen zurück, mit einem Schirm. Er hielt den Schirm über sie, damit sie nicht weiter nass wurde, obwohl sie es eh schon war. Sie blickte auf und sah wieder in sein Gesicht. „Komm, du hast doch kein zu Hause, oder?“, sagte er, wie immer unbekümmert mit einem Kinderlachen im Gesicht, „meine Mutter hat gesagt, du kannst diese Nacht ruhig bei uns bleiben!“ Sie sah ihn etwas überrascht an. Er aber hielt seine Hand hin, als wäre es beschlossene Sache. Sie schaute erstmal etwas verwirrte drein und nahm schließlich seine Hand an. Sie war warm, ihre dagegen war kalt wie diese Nacht es war. Es regnete immer noch, doch das Mädchen sah schon etwas mehr Sonnenlicht in ihrem Herzen. Bei seiner Mutter angekommen, sah das Mädchen zu den anderen Frauen auf. Ihre Blicke sagten nichts von Unwollen oder Hass. Auch als sie Richtung Kutsche sah, konnte sie nur freundliche Gesichter erblicken. Das war so ungewohnt, dass sie sich gleich hinter Lloyd versteckte. Cornelia beugte sich zu ihr herunter. Sie blickte warm zu ihr herunter und fragte sie mit warmer Stimme: „Hallo. Ich bin Cornelia. Und wie heißt du?“ Das Mädchen war erstmals verwirrt, sie hatte noch nie jemanden gekannt mit einer solchen sanften und warmen Stimme. Schließlich, bevor sie sich noch vergaß, drehte sie sich weg und sagte leise mit einer unsicheren Stimme: „Ich habe keinen“ Cornelia sah etwas erstaunt aus, doch bevor sie antworten konnte, rief auch schon Lloyd dazwischen: „Ich weiß, du wirst ab heute Milly heißen, okay Mama?“ Er sah sie fragend an. Cornelia musste leise lachen. „Aber, aber, mein Kind“, sagte sie, „das musst du mich doch nicht fragen.“ Er sah sie fragend an, er verstand nicht richtig. Als Tipp zeigte sie auf das Mädchen, das ja immer noch hinter ihm stand. „Oh...Entschuldige!“, rief er bittend, „das hatte ich komplett vergessen! Wärst du denn damit einverstanden?“ Sie sah ihn an. Schließlich nickte sie doch. „Milly ist ein schöner Name, dankeschön“, meinte sie leise, aber Lloyd hörte es und sah glücklich aus, er lächelte. Milly, wie sie gerade getauft wurde, lächelte schüchtern zurück. So gingen sie zum Anwesen. Eine Stunde später kamen dann auch die Männer des Hauses an und die Frauen berichteten von ihrem kleinen, na ja, 'Fund'. Sie waren alle einverstanden. Als dann alle zu Bett gingen, schlief Milly bei Cornelia mit ihm Bett. Cornelia fragte sie sanft: „Sag mal, du hast kein zu Hause, oder nicht?“ Milly nickte leicht, sie wirkte etwas beschämt, aber Cornelia strich ihr über ihren Kopf. „Das muss dir doch nicht peinlich sein“, sagte ich lächelnd und Milly fühlte sich gleich etwas wohler. Daraufhin fuhr sie fort: „Wie wäre es denn für dich, bei uns zu bleiben und später einmal als Dienstmädchen bei uns zu arbeiten? Verpflegung und ein warmes Bett jede Nacht wirst du auch haben. Aber bist du groß genug dafür bist, kannst du trotzdem bei uns bleiben und mit Lloyd spielen und lernen“, sagte Cornelia zu ihr, „ich hätte dich gerne im Haus. Du bist so ein schönes Mädchen und wirst uns bestimmt gut dienen.“ Milly wirkte etwas überrascht. Erst ein so schöner Name und dann auch noch so ein Angebot. „Ich möchte gerne bei euch bleiben, wenn es euch nichts ausmacht“, antwortete Milly zaghaft, aber nachdem sie Cornelias fröhliches Gesicht gesehen hat, lächelte sie auch und schlief kurz daraufhin glücklich ein. Ihr stiller Schrei nach einer warmen Heimat wurde also doch erhört.

Von da an lernte sie fleißig mit Lloyd und sie spielten unbekümmert. Ihre Freundschaft prägt sie wohl noch ihr ganzes Leben lang. Nach dem ersten Treffen zweier Schicksalskinder, sind aber bereits elf Jahre vergangen und ihm Nu rutschten beide in das heiratsfähige Alter herein.

„Junger Herr!“, rief Milly verzweifelt. Sie war mal wieder auf der Jagd nach ihrem Herren, Lloyd Ashford, der vierte Sohn der elften Generation der Familie Ashford. Aus Milly ist eine junge hübsche Dame geworden. Sie hatte langes geschmeidiges braunes Haar und sanfte dunkelblaue Augen bekommen. Obwohl sie eigentlich nur ein einfaches Dienstmädchen ist, hatten schon einige um ihre Hand angehalten, aber sie hat immer wieder abgelehnt. Ihre Begründung war schlichte Treue gegenüber ihrem Herren, Lloyd, aber Cornelias Gespür sagte ihr etwas anderes. Nämlich das sie auf den Antrag eines ganz Bestimmten wartete.

So ähnlich ginge es auch Lloyd. Er hatte prachtvolles hellblondes Haar bekommen, tiefgrüne fröhliche Augen und auch ihm erging es wie Milly. Nur war seine Begründung doch anders, er wolle so lange wie möglich frei sein, doch ob das wirklich stimmt, das kann auch nur sein Herz sagen, doch diesmal spürte sein Vater, William, etwas. Das gleiche wie Cornelia bei Milly. Sie waren aus den vielen Neckereien, Schwierigkeiten und all das, was sie erlebt haben, zueinander geschweißt worden. Aber denen ist es noch nicht klar. Noch nicht, würde man wohl sagen, denn es wird kommen. Da sind sich alle aus der jetzigen Generation sicher.

Eines schönes Tages. Milly hetzte wieder quer durch den Garten. „Junger Herr! Wo sind Sie nur?“, rief Milly zum wiederholsten Male. Lloyd steckte in einem Baum, er hockte und wartete. Da sprang er hinter ihr runter und lief in das Gartenlabyrinth. „Komm und hol mich doch!“, rief er vergnügt. Seine Augen blitzen vor Freude. „Junger Herr, wie soll das nur weitergehen, wenn Sie sich weiterhin so aufführen?“, fragte sich Milly laut. „Ich weiß nicht, aber hör auf, mich zu siezen, wir sind doch Freunde aus Kindertagen!“, neckte er sie. Er lief immer weiter in das Labyrinth, das er in und auswendig kennt. Schließlich hat er sich hier oft genug versteckt.

Milly ging um eine Ecke, wo Lloyd nur auf sie wartete. „Hab ich dich!“, rief er und umarmte sie von hinten. Er hielt sie fest in seinen Armen. Milly errötete und stammelte: „W-w-was soll das bitte werden, junger Herr?! Können Sie mich bitte loslassen?“ Doch sie konnte leider nicht leugnen, dass es ihr nicht wenigstens ein bisschen gefiel. „Nein!“, war die prompte Antwort Lloyds. Das veranlasste Milly nur noch dazu, noch röter zu werden. Sie dachte sich, wie gut, dass er mich in diesem Moment nicht sehen konnte. „Aha, und wieso, wenn ich fragen darf, Lloyd?“, fragte sie in einem barschen Tonfall. Lloyd war ein bisschen überrumpelt. „Ähm...ja...weil...“, stammelte diesmal er, sein Griff lockerte sich etwas. Milly konnte etwas aufatmen. „Ja?“, fragte sie diesmal ruhiger. Urplötzlich wurde der Griff wieder fester. „Willst du meine Frau werden?“, fragte Lloyd leise und gab klein bei. Sie war etwas überrascht von diesem Antrag, inmitten diese Labyrinths. Sie hatte lange auf diese Frage gewartet. „Ja“, antwortete sie glücklich, drehte sich um, gab ihm einen leichten Kuss auf dem Mund und nutzte den Überraschungsmoment, um schnell abzuhauen. Die rannte in Cornelias Zimmer und ließ den verdutzen, aber dennoch glücklichen Lloyd stehen. „Cornelia!“, rief Milly in den Raum hinein, obwohl sie sehr wohl wusste, dass es unhöflich war. „Na, hat er es dir endlich gestanden?“, fragte sie kichernd. Mit einem Schlag erreichte Milly wieder dir Röte. Sie ging in den Raum hinein, schloss die Tür und nickte, was sie aber nur noch röter werden ließ. „Na also, dann hat sich der kleine Bengel also doch getraut“, sagte Cornelia lachend, „Nun, komm her, Liebes! Ich will meine Schwiegertochter einmal wieder umarmen!“ Lloyd ging in das Zimmer seines Vater und musste sich dasselbe anhören wie Milly. So vergingen einige Wochen bis der große Tag da war. Milly war in ein weißes mit Stickereien versetzte Brautkleid gesteckt worden, das alte Kleid von Cornelia, und wurde auch von ihr engelsgleich hergerichtet. Lloyd blieb vor Staunen die Sprache verschollen. Er wusste ja, dass sie hübsch sein konnte, aber das hätte auch er nicht erwartet. „W-w-was starrst du mich so an“, brachte Milly nervös hervor, „sehe ich so komisch aus?“ Er musste lachen und zog sie umarmend an sich. „Nein, wunderschön“, flüsterte er ihr ins Ohr, woraufhin sie prompt rot wurde und sich von ihm wegschob. „Musst du nicht noch woanders hin?“, fragte sie etwas gequält, auf der Suche nach einer Ausrede. „Ich geh ja schon“, antwortete er fröhlich pfeifend und ging wie es sich gehörte, schon einmal in die Kirche.

Die Hochzeit war ein schönes Fest geworden und alle freuten sich für das neue Ehepaar. Es wurde bis in die Nacht hinein getanzt wie gelacht und gefeiert.

Nach der Feier stand Milly an ihrem Zimmerbalkon und dankte Gott.

Ich danke dir zutiefst, dass du mich erhört hast. Ich bin dir ewig dankbar und werde auch in Zukunft mein Bestes geben, um deine Worte weiter zu geben. Ich werde auch versuchen, alles schlechte und böse von hier zu vertreiben mit meinen eigenen Mitteln und die Güte in den Herzen der Menschen zu bewahren. Das ist mein Versprechen. Dafür, dass du meinen stillen Schrei nach einer Heimat erhört hast. Das ich für immer nach hier zurückkehren kann. Ich danke dir.

So fand doch noch ein Happy End statt. Aber was wäre passiert, wenn nie jemand vorbei gekommen wäre? Oder ähnliches? Das wollen wir vielleicht ein anderes Mal ausprobieren, diesmal lassen wir aber dem Mädchen von einst ihr Ende auskosten.

 

 

Ende

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