Flaschenpost

 

Nahe einer Brandung irgendwo auf der Welt.

Sanft wehendes Haar und ein melancholisches Lächeln.

Das waren die einzigen Dinge, die ich mir jemals merken konnte vom Ort, welches immer mit einer Meeresbrise erfüllt war.

Ich ging hier oft entlang, immer den Trampelpfad folgend. Ein kleines Lüftchen wehte ab und zu hier. Meistens war sie auch bei mir. Doch jetzt konnte ich es nicht mehr. Ich konnte weder ihrem Duft folgen noch traute ich mich, diesen Pfad erneut zu begehen. Ich wollte nicht ohne sie hier spazieren gehen, wollte keine neue Erinnerung hieran ohne sie erschaffen.

Doch ich hatte es getan.

Ein einfacher, banaler Grund trieb mich, mein kleines Versprechen zu brechen.

Um zu verstehen müsste man die Zeit um einige Tage zurückdrehen.

 

Es war ein Tag wie immer, seit sie gegangen ist. Die Meeresbrise kam und ging, wie immer.

Ein normaler Tag, der einige Überraschungen bergen sollte. Oder so. Es war ja eigentlich nur eins.

Ich ging die belebten Straßen entlang, es war früh und doch waren die Händler und andere Leute am Hafen schon putzmunter. Ich war etwas betrüb, abwesend, wie immer eigentlich, und ging durch den Hafen. Ich lauschte einer traurigen singenden Stimme, die aus meinen Kopfhörern in mein Ohr strömte.

Der Himmel blau, hellblau, das Meer klar. Sehr klar. Ich wusste nicht, wo ich hinsehen sollte, es war alles beinahe blendend schön, doch das machte ja keinen Unterschied für mich, meine Gedanken sahen anders aus. Ich wollte sie aber mit der Außenwelt in Verbindung bringen, sonst fühle ich mich leer, einsam, allein.

Und so schaute ich fast die ganze Zeit auf dem Boden. Ein Boden mit Pflastersteinen, die unterschiedliche Grautöne trugen und auch ein Schimmer von braun hatte. Aber auch das war schön. Aus irgendeinen Grund empfand ich so. Ich konnte nicht anders. Ich wollte weg. Ich konnte nicht und ging normal schnell weiter.

Irgendwann kam ich an den Trampelpfad. Er sah traurig aus, das beruhigte mich und ich atmete auf.

Aber das änderte nichts an der Situation! Böse, traurige, bemitleidenswerte Gedanken strömten in mich hinein.

Ich schüttelte den Kopf und ging bestimmt weiter. Meine Schritte hallten von den Felsenwänden zu meiner Rechten wieder. Ich bemerkte meinen viel zu festen Schritt. Doch er musste wohl sein, sonst wäre ich nicht weitergekommen. Egal was ich getan hätte.

Zumindest was den Anfang betraf.

Mit jedem Schritt wurde es leichter, den einen Fuß vor den anderen aufzusetzen. Immer leichter. Jemand nahm mir meine Last, die ich zu behalten und tragen versuchte. Wieso?

Immer weiter ging ich voran, den Pfad entlang.

Bis ich mein Ziel fand.

Die Höhle in der Brandung.

Noch stand ich über ihr, aber das änderte sich schnell, ich begann, geschickt nach unten zu klettern. Wie so oft.

Als ich unten auf dem weißen kurzen Sandstreifen landete schlich ich mich sofort in die kleine Höhle, die eher einer Grube oder Grotte glich, aber was ist der Unterschied zwischen diesen Dingen? Vorsichtig tastete ich mich vor, normalerweise kannte ich die Höhle gut genug, aber ich war viel zu selten hier gewesen seitdem sie weg ist.

Meine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit, die hier vorherrschte. Kleine Lichtstrahlen fielen trotzdem in die Höhle ein und spendeten etwas Licht. Ich sah mich um. Es sah unverändert aus. in einer Ecke war eine provisorische Sitzgelegenheit in die Felsenwand gemeißelt. Und dann noch einige Flechten und Algen als Deko hat sie damals aufgehängt, felsenfest war sie davon überzeugt, dass sie die Fluten überstehen würden und sie behielt Recht. Immer noch hingen sie an Ort und Stelle.

Ich ging weiter hinein, sah mich nochmals um und steuerte dann eine Nische an. In dieser Nische befand sich eine Flasche.

Mit einem Zettel drin.

Wie sie es mir sagte.

Ich öffnete die Flasche und nahm den Zettel heraus.

 

Eine Meeresbrise wehte damals zu mir

Ebenfalls du schlichst dich zu meinem Orte hier

Warum dies passierte wusste ich nie

Doch es reichte, um meinem kaltem Herzen

zu sagen und ohne großen Schmerzen:

"Ich bleibe hier, du bist es, der mich hierhielt"

Doch wieso ich dann fort ging von dir und alles

hinter mir ließ, ich weiß es nicht.

Die einzige Botschaft, die nur du lesen kannst.

Der Platz des Briefes ist dir schon bekannt.

Richtig, es ist diese Post hier

Umgeben von Glas wartete sie auf dich

Sie soll dich führen zu mir

Bis zu diesem Zeitpunkt, an dem ich

Immer noch auf dich warten werde.

Diese Flaschenpost beweist

Was schon längst jeder weißt.“

 

Das war alles.

Ich ging wieder, grübelte auf dem Heimweg weiter.

Ihre Nachricht sagte zwar alles, aber es verwirrt mich doch etwas.

Ich lag die ganze Nacht wach. Ohne zu wissen, was ich nun tun sollte, was sie wollte, das ich tat, keine Ahnung.

Am nächsten Morgen hatte ich so eine Art "Lösung" bekommen.

Ich lungerte in meinem Zimmer herum, kramte in einer alten Pappkiste.

Da! Ich fischte einen Zettel heraus und sah ihn mir an. Da stand eine Nummer und eine Anschrift drauf. Ihre Nummer. Beispielsweise ihre Anschrift.

Ich tippte die Nummer ein. Ich war nervös, vertippte mich immer wieder. Als ich endlich ihre Nummer eingetippt habe, drückte ich auf den Knopf.

Ein Piepen. Wieder ein Piepen. Nochmal ein Piepen. Mit jedem weiterem Piepen wurde ich nervöser. Würde sie meine Stimme erkennen? Würde ich ihre Stimme erkennen? Mag sie mich eigentlich noch?

Während die Zweifel mich plagten nahm jemand ab.

"Hallo?", erklang ihre Stimme, verzerrt durch das Handy.

"Hallo", sagte ich zurück. Ich hatte keinen Plan, wieso ich angerufen hatte, was ich sagen sollte, also quasi ein vollkommenes Blackout.

Sie befreite mich aber von meinen mal wieder unnötigen Qualen. "Bist du es?“, fragte sie stockend. Dann ein Freudenschrei. „Ich freue mich, dass du anrufst! Danke, danke, danke!“, rief sie erfreut. Ich vernahm es leider etwas verzerrt, doch ich atmete auf. Sie erinnerte sich an mich.

„Ja...“, gab ich schwach wieder. Anstatt meine verschlagene Sprache zu bemerken oder darauf einzugehen plapperte sie fröhlich munter weiter. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber ich glaube, sie freut sich, meine Stimme, wenn auch verzerrt, mal wieder zu hören.

Und ich auch.

 

Und nach einiger Zeit stehe ich wieder an der Klippe. Dort, wo ich meine Geschichte angefangen habe, aufzuschreiben.

Der Wind bläst mir um meine Haare und verwuscheln sie ein klein wenig.

Trotzdem oder gerade deswegen bleibe ich stehen und spüre den Wind.

Das wird nicht das letzte Mal sein.

Wo ich hier stehe, den Wind spüre, das Meer rieche...

Und die Flasche werfe.

Mit einem Zettel innen drin verschwindet sie rasch im Meer. Wellen und die Brandung reißen sie mit sich.

Bald kann ich sie nicht mehr sehen. Doch das macht nichts. Ich weiß, dass sie da ist, das genügt mir.

Und fröhlich pfeifend trete ich meinen Rückweg an.

Etwas melancholisch, aber froh.

Und nun gehe ich wieder zu ihr. Wie seit langen nicht mehr.

Nur mit einem Unterschied:

Ich gehe nun auch allein diesen Pfad.

Aber noch lieber mit ihr.

 

 

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