Nostalgie

Wenn Erinnerungen kommen und gehen, die Ablösung folgt

 

 

Langsam schreitet selbst ein Niemand wie ich voran. Vorausschauend, dass man es schon Wahrsagen nennen kann. Jeder Mensch weiß im Innersten seine Zukunft doch genau. Grau wie ein langweiliger Himmel am Tag, schwarz wie ein wolkenloser undurchdringlicher Himmel in der Nacht. Und leer. Leer wie eine Seele nur sein kann.

 

Es regnete wie aus Kübeln als ich mal wieder auf meinem Grabstein saß und die Leute um mich herum beobachtete. Es war schon zu einem Ritual geworden, jede Beerdigung hier zu beobachten und den falschen und echten Tränen zuzuhören.

Immer wieder kamen Leute vorbei, brachten Rosen und allerlei anderes vor sich hin welkendes Geblüm mit, um sie auf das Grab ihrer Liebsten zu legen. Ich konnte es nicht genau nachvollziehen, wieso es so wichtig war, ein lächerliches Grab wie alle hier, meines eingeschlossen, frisch zu erhalten. Ich verstand die lebenden Menschen nicht. Ich habe sie einmal verstanden, früher, als ich einer von ihnen war. Ich sah mich um. Die Gräber waren alle leer. Niemand war hier. Keine Menschenseele, keine Totenseele.

Auf jedem zweiten lag nun eine rote Rose. Oder eine gelbe Tulpe. Eine orange Primel war auch dabei. Die meisten wurden von Frauen gebracht. Die Liebe machte sie wohl blind. Ihre Männer waren doch schon längst im Himmel oder schmoren in der Hölle.

Warum ich dann noch hier bin?

Ich wusste es selbst nicht, aber irgendetwas hielt mich hier.

Langsam ging ich auf die anderen Gräber zu. Ich war wohl der einzige Geist, die einzige Seele, die hier noch verweilte. Achselzuckend begutachtete ich die vielen, nass gewordenen Rosen, Tulpen, Primel und andere bedauerlich.

 

Eines Tages kam ein kleines Mädchen auf den trostlosen Friedhof. Sie hatte eine warme Aura. Ich spürte sie, sie kam mir bekannt vor...

Zielstrebig mit einem doch leicht verängstigten Blick lief sie auf ein Grab zu. Sie lief fast durch mich durch als sie auf mein Grab zusteuerte. Ich lief ihr neugierig hinterher, denn sonst kam niemand zu meinem Grab. Komisches Mädchen...

Das Mädchen war ungefähr 5 oder 7 Jahre alt. Sie hatte ein rote Kappe und einen roten Mantel an. Außerdem weiches braunes Haar, braune lustige Kulleraugen und einen Weidenkorb. In diesem Korb waren...Saft, Brot und ein roter leuchtender Rosenstrauß. War das Rotkäppchen?

Verwundert blieb ich stehen. Rotkäppchen ist doch eines der Berühmtesten von Grimms Märchen...

Ich ging langsam weiter, alte Erinnerungen wurden geweckt.

Ich erinnerte mich an Tage, die nach alten Märchenbüchern rochen.

An Tee, Gebäck und Lachen.

Ich musste unwillkürlich stehen bleiben.

Das Mädchen jedoch rannte, nun von der Angst befreit, fröhlich weiter. Sie stoppte vor meinem wirklich einfach gehaltenem Grab.

Sie legte behutsam die Rosen auf mein Grab und legte die Hände ineinander. Betete sie?

Nein, sie wünscht sich etwas. Das man das bei einem Grab macht ist mir neu.

Ich ging langsam auf sie zu. Erinnerungen strömten weiterhin auf mich ein und strömten wieder so schnell heraus wie sie kamen. Ich hatte keine Macht darüber. Dieses Mädchen...erscheint mir wie alles und nichts.

Sie redete. Redete Unnötiges, redete einfach. Mit dem scheinbaren Toten unter diesem Fleckchen Erde.

Ich hockte mich quer neben ihr und lauschte ihren Worten. Sie redete einfach nur. Nichts scheint einen Sinn zu ergeben, was aus ihrem kleinen Mund herausrutschte. Eine gewisse Unbekümmertheit umgab das Mädchen. Sie erinnert mich stark an jemanden...

Es war wohl das erste Mal, dass ich mich wieder nach meinem Leben sehnte.

Nach meinen Erinnerungen, die ich in dieser Form nicht fassen und festhalten konnte.

Nach einer Kälte oder nach der Wärme dieser Jahreszeit, dessen Namen ich nicht behalten konnte.

Nach etwas „Menschlichem“.

Und so sah ich diesem Mädchen voller Leben zu. Wie sie hockte und versuchte, aus einem mitgebrachten Märchenbuch eben Rotkäppchen vorzulesen. Jedoch stockte sie immer wieder, sie verstand wohl nicht alles. Oder sie kannte alles, nur es zu lesen ist wiederum schwieriger.

Ich spürte ebenfalls, wie ich plötzlich aufhöre, zu sein.

Es war, als löste ich mich langsam auf.

Mein Ich, welches bislang als Geist herum irrte, wurde nach und nach aufgelöst.

Sollte nun jemand anderes meinen Posten als „den stillen Beobachter“ übernehmen?

Habe ich meinen Frieden gefunden, weil ich dieses Mädchen traf?

Weil sie eine verknüpfte Erinnerung zu sein schien?

Werde ich mich wieder erinnern können?

Ich wusste es nicht.

Auch weiterhin sollte ich es nicht erfahren.

Doch ich hoffte in meinem tiefstem Inneren, dass ich sie wiedersehen würde.

Vielleicht wäre es möglich gewesen.

Wenn ich nicht tot sein würde.

Ja.

Bestimmt.

Bestimmt sehen wir uns wieder.

Ich werde auf diesen Augenblick warten.

Bis wir uns wiedersehen?

 

 

 

Angelehnt an das Lied:

Papa Roach - Roses on my Grave

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