Kapitel 1

Cinderella

     „In dem weit entferntem Königreich, dort, wo Cinderella ihre Ruhe fand, leben sie immer noch glücklich vereint, sie     und der Prinz.
     Die gute Fee, die dies möglich machte, verschwand sobald aus ihrem Gedächtnis. Das machte die gute Fee                    wütend, sie will auch glücklich, so wie Cinderella.
     Ihre Eifersucht auf die schöne und sanfte Cinderella nimmt schon bald Übermacht.“

In einer normalen Schule wie jede andere auch.
Der Unterricht hat noch nicht begonnen, so saßen viele Schüler der Eliteklasse in der Stufe neun noch gar nicht auf ihren Plätzen, sondern tratschten und klatschten in verschiedenen Kleingruppen über die aktuellsten Themen, zum Beispiel über den neuen Schüler, der in einigen Tagen kommen sollte.
Alle Schüler hatten ihre Gruppen, außer ein Mädchen, das still in der Ecke auf ihrem Platz saß und nach draußen guckte. Ihre graublauen Augen sahen entnervt in den strahlend blauen, wolkenlosen Himmel. Ätzend, dachte sie sich. Nicht nur den Himmel meinte sie, auch dieses ständige Geschwätz nervte sie tierisch. Sie seufzte und sah die Tafel an. Sie war ordentlich geputzt. Das Dunkelgrün strahlte, man könnte meinen, auf ihr sei noch nie geschrieben worden. Aber schließlich war es mir zu verdanken, dachte sie genervt weiter und sah wieder woanders hin. Ah, eine Gruppe lauter kreischender und quietschender Mädchen wurde ihr nächstes Ziel. Sie saßen direkt vor ihr herum.
„Yiek! Seht euch ihn an! Ist er nicht total cool?!“, quietschte eine gerade und zeigte etwas auf ihrem Handydisplay. Ein wohl heimlich geschossenes Foto. Es zeigte einen Jungen mit aschblondem Haar und intensiven dunkelblauen Augen. „Das ist der Neue?!“, fragte ein anderes Mädchen, „der sieht ja cool aus!“ In der Tat hatte dieser Junge auf dem Bild etwas Anschauliches an sich, das Mädchen mit dem Handy hatte ihn wohl in einem gutem Winkel erwischt. „Ich kann es kaum noch erwarten!“, kreischte eine andere weiter, „Ich frage mich, wie er so ist...“
Das Mädchen aus der Ecke erspähte einen kurzen Blick auf das Foto. Jedoch verschwand das Bild schon wieder als der Lehrer auftauchte und die Schulglocke zur ersten Stunde läutete.

Nachmittag.
Die Schülermassen strömten hinaus.
Das Mädchen, welches gelangweilt in der Ecke saß, hatte nichts besonderes für den Tag geplant, anders als die Gruppe vor ihr. Sie hatten vor, den Tag mit Shoppen zu verbringen, wie eigentlich jeden Freitagnachmittag, stellte das Mädchen hinter ihnen fest. Sie schob sich wie so oft ihre Brille zurecht und überholte sogleich die Gruppe. Sie hatte spontan beschlossen, in die Bücherei zu gehen. Vielleicht konnte sie ja dort helfen, sie hatte ja nichts anderes vor. Bis 19 Uhr zumindest.

In der Bücherei war es  wie immer ruhig. Sie trat ein und genoss den Duft alter Bücher, der ihr entgegen strömte. „Na, Lupus, mal wieder nichts zu tun?“, rief eine fröhliche Stimme zu ihr. Eine ältere Dame kam ihr entgegen. „Oh, Mrs Canson, Sie habe ich aber lange nicht mehr gesehen“, antwortete Lupus, das Mädchen, freundlich. Sie knickte ein wenig ein und bot an: „Ich kann Ihnen gerne beim Einsortieren der Bücher oder hinter der Ausleihtheke helfen.“
Mrs Canson nickte erfreut: „Das ist sehr nett von dir, meine Liebe.“
Lupus winkte lächelnd ab und meinte: „Das mache ich doch gerne!“ Sie machte sich auf den Weg zu den zurückgegebenen Büchern und sah nach, ob es sich lohnen würde, sie schon ein zu sortieren. Und tatsächlich! Der Wagen war voll.
Sie nahm den Wagen und schob ihn durch die Reihen von Regalen, allesamt vollgestopft mit Büchern. Sie ging durch Reihe und hielt immer wieder an, eben um die Bücher wieder in ihre Regale zu stopfen.
Ab und zu schwelgte sie in nostalgischen Erinnerungen. Bei einem Kinderbuch strich sie ganz sanft über das Cover. Cinderella. Sie mochte beide Versionen gerne, die von Disney und die von den Gebrüdern Grimm.
Lächelnd stellte sie das Buch in die Regale zurück.
Sie bemerkte dabei nicht den heimlichen Beobachter, der sie kritisch ansah.

Das wäre geschafft, dachte sich Lupus als sie das letzte Buch in sein Regal stellte.
Sie schob den Wagen zurück und wollte gerade Mrs Canson Bescheid sagen, dass sie die Schicht an der Theke übernimmt als sie eine Gestalt in der Bibliothek entdeckte. Es war ein Junge, er saß auf einem Stuhl an einen der Tische, die immer wieder hier und da in der Bibliothek aufgestellt sind. Normal ist das nichts Ungewöhnliches, auch Jungs sitzen immer wieder hier, aber dieser... sein Blick bohrte sich in Lupus Rücken ein. Er hatte sie die ganze Zeit angestarrt?! Spanner??, fuhr es ihr durch den Kopf. Sie drehte sich zu ihm um, er hatte aber schon längst wieder den Blick auf sein Buch gerichtet. Sie erhaschte nur einen kurzen Blick auf ihn, jedoch scheint es der Junge von diesem Foto zu sein. Der Neue?! Die Foto kehrte in ihre Erinnerungen zurück. Stimmt ja, passt alles zusammen, dachte sie sich. Im Hintergrund konnte man nämlich vage die große Glasflügeltür, der Eingang zur Bibliothek, sehen.
Lupus wandte sich schnell ab, ihr Blick schweifte kurz die Uhr.
19 Uhr. Fast, nur noch ungefähr fünf bis zehn Minuten verblieben bis es sieben beispielsweise neunzehn Uhr schlägt.
„Mrs Canson? Mrs Canson?!“, rief sie, während sie durch die Büros hetzte. Mist, fuhr es ihr währenddessen durch den Kopf, ich komme viel zu spät!
„Mrs Canson?!“, fragte sie noch einmal verzweifelt und fand sie schließlich auch. „Meine Liebe, wieso so gehetzt?“, fragte Mrs Canson als Lupus bei ihr ankam. „Ich...muss weg“, stieß sie hervor und verabschiedete sich schnell. Sie entschuldigte sich ebenfalls dafür, dass sie nicht weiter helfen könne. Mrs Canson winkte nur dankend ab: „Du warst eine große Hilfe, es sind heute wirklich viele Bücher abgegeben worden!“
Lupus machte sich auf den Weg und dachte nicht mehr viel über Mrs Cansons Bitte nach.

Die Dunkelheit hüllte die strahlende Stadt des Tages in eine einsame Stadt der Nacht.
„Wo ist ...sie?“, fragte Lupus während sie über Dächer sprang. Ein kleines Etwas sprang mit ihr: „Noch ungefähr 100 Meter entfernt, in der alten Mühle!“
Sie nickte und sprang noch schneller als sie es schon tat.
20 Uhr.

Bei der alten Mühle angekommen.
Es war neblig geworden, der Nebel verschleierte alles und ließ sie alte Mühle noch gruseliger erscheinen als sie schon war. Ein kleiner Bach plätscherte rechts an der Mühle entlang. „Wo versteckst du dich?“, rief Lupus und sah sich hetzend um. Plötzlich erschien eine weiße Gestalt. „Schrei doch nicht so...hihi...“, sagte diese Gestalt säuselnd. „Wer bist du?“, fragte Lupus wieder harsch, in Gedanken rief sie zu dem Fluff bei ihr: „Los, sauge ihr die Kraft aus.“ Das Fluff näherte sich langsam der weißen Gestalt und begann mit seinem Vorhaben.
„Man nannte mich die gute Fee“, säuselte die Weiße. Lupus rannte es eiskalt den Rücken runter, wie jedes Mal, wenn sie eine deformierte Märchengestalt traf. Also fast jeden Tag. Das Fluff war fertig geworden und näherte sich wieder seiner Herrin.
„Argh, du...!!!“, machte die gute Fee als sie Lupus Vorhaben bemerkte, „Das wirst du bereuen!!“ Sie versuchte, Lupus anzugreifen, doch sie war zu spät.
„Das Märchen, geschrieben und geschaffen“, rief Lupus in voller Lautstärke, „Wesen der Unendlichkeit, Wesen der Güte. Du, den Weg verlassen, verschwinde!“
Und Rotkäppchen stand der guten Fee gegenüber.
Die gute Fee fing an zu lachen. „Du, Göre, willst mich aufhalten? Oh nein, ich werde ganz sicher Unheil über die Welt bringen! Nichts und niemand kann mich aufhalten!“, rief sie voller Zorn und schoss einen Blitz ab. „Wie willst du es überhaupt schaffen, du kleine Göre. Na, wer wurde denn von einem Wolf verspeist?!“, hackte sie weiter auf ihr ein. Doch sie hörte nicht darauf. „Es hat keinen Sinn, gegen mich kommst du nicht an“, meinte Rotkäppchen finster. Finster waren auch ihre darauffolgenden Worte: „Die Dunkelheit wurde erhellt. Ein Blitz durchstreifte die Landschaft. Jedoch währte sein Schein nur kurz. Dämmerung hülle uns ein.“
Wie sie es beschrieb, es wurde dunkel. Rotkäppchen verschwand in der verhängnisvollen Dunkelheit, aber die gute Fee leuchtete weiter. So startete Rotkäppchen einen weiteren Angriff: „Dunkelheit eingehüllt, Gefühle scheinen lichterloh. Geblendet durch das eigene Gebet. Was willst du mehr? Eine gute Freundin hast du verlassen, Eifersucht brennt tief in dir. Unsinnig sind deine Taten. Verbrenne.“
Verwirrt sah sich die weiße Gestalt um. Feuer! Überall Feuer! Bald auch wurde ihre Gewand von diesen lechzenden Flammen verspeist und sie stand in Flammen.
Rotkäppchen kam langsam näher. In ihrer Hand hielt sie ein altes in Leder geschlagenes Buch. „So sie nur, wie sie weint und schluchzt. Vor Kummer, eine Freundin verraten zu haben. Ihre Trauer ist nicht durch des Prinzens Liebe überwindbar. Allein eine gute Freundin vermag dieses Szenario zu stoppen.“
Die aufgeschlagene Seite zeigte ein prachtvolles Zimmer. Ein wunderschönes Mädchen schluchzte am Bettrand. Ein Prinz stand neben ihr und versuchte, sie zu trösten, doch vergebens. Rotkäppchens Worte waren wahr. „Nun, in Flammen stehende Gestalt, was vermagst du zu tun? Was möchte dein Herz? Eine Freundin, die dich ruft. Oder Trauer der Menschheit. Kinder, die dich bewundern und dich mögen, vielleicht lieben.“
„Hör auf, hör endlich auf!“, schrie die gute Fee, „Lass es gut sein!“
Doch Rotkäppchen dachte nicht daran. Erst, wenn die Gefühle verbrannt und ausgetrieben sind, dachte sie und fuhr fort: „Das Lächeln, das Lachen, das du einst gezaubert, hat sich zerstört. Durch deine eigene Hand, die die einst alle froh und fröhlich stimmte, nun Leid und Trauer rufe.“
Tränen strömten über das ganze Gesicht. Die gute Fee sah die schönen und wunderbaren Erinnerungen. „Es... es tut mir leid...“, schluchzte sie, „es...es tut mir leid...“
Ihre Stimme erstickte. „Brav so...“, murmelte Rotkäppchen und klappte das Buch zu.
Die Eifersucht war verschwunden. Auch die gute Fee begann, sich langsam aufzulösen. Ihr liefen immer noch Tränen übers Gesicht.
Als sie verschwunden war, wurde auch Rotkäppchen wieder Lupus.
„Gute Arbeit!“, miaute das Fluff und flog um Lupus herum.
Lupus machte sich nur müde nach Hause.
Jeden Tag musste sie das machen. Jeden Tag diese deformierten Märchengestalten... Ihre geliebten Märchengestalten... Von irgendeinem ungutem Gefühl getrieben suchen sie immer wieder die Menschenwelt heim. Um ihren Zorn, ihre Trauer, ihre Wut, entfalten zu können. Und genau daraus zog das Fluff die Kraft für Lupus. Aus Zorn, Hass, Gier, Eifersucht, Trauer, Verzweiflung der Märchengestalten. Ohne diese negativen Gefühle kann sie sich nicht verwandeln und somit auch nicht die „Kraft der Worte“ benutzen, die sie braucht, um die Märchenfiguren wieder in ihre Welt zurückschicken zu können.
Zu Hause angekommen warf Lupus sich direkt auf ihr Bett. Ihre kleine Wohnung war nicht besonders groß. Sie lebte allein. Seit das Fluff bei ihr aufgetaucht ist und ihr unterbreitet hat, das sie „Rotkäppchen“ sei. Seitdem kämpft sie gegen diese bösartigen Märchenfiguren.
Lupus schlief augenblicklich ein.
22.30 Uhr

     „Cinderella schluchzte immer noch sehnlichst um ihre verloren geglaubte Freundin.
     Ihr geliebter Prinz konnte nichts dagegen unternehmen.
     Plötzlich stand die gute Fee im Raum. Sie sah zu Cinderella.
     Cinderella sah auf. Die gute Fee sackte zusammen. Und fing an, bitterlich zu weinen.
     Worte der Entschuldigung sprudelten aus ihr heraus, sie schämte sich so sehr.
     Doch auch Cinderella sah ihren Fehler ein und nahm ihre Freundin in den Arm.
     Das Missverständnis legte sich.
     Und die Tränen von Cinderella versiegten.“

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